Nach Stadtratsdebatte zur Fockestraße 80 Wagenleute kritisieren die nebelhafte Immobilienpolitik der Stadt

L-IZ 29.März.2016

Nachdem es in der letzten Stadtratssitzung am 23. März zum Thema Wagenplatz an der Fockestraße heftige Diskussionen gab, haben sich jetzt auch die Bewohner des Wagenplatzes „Focke 80“ zu Wort gemeldet. „Ein Bekenntnis oder gar eine Strategie zum Umgang mit Wagenplätzen, die auf Transparenz und Partizipation setzt, ist nicht zu erkennen. Es wird gern über uns geredet, nicht mit uns!“, heißt es in der Stellungnahme.
Peinlich finden die Wagenleute die unentschlossene Haltung der Verwaltung, nachdem die CDU-Fraktion beantragt hatte, den Platz an der Fockestraße als Schulstandort zu sichern. Obwohl der Platz dafür denkbar ungeeignet ist, denn gleich nebenan lärmt die B2, das Gebiet selbst gehört zum Hochwassergefahrengebiet und die Entfernung bis zur nächsten ÖPNV-Haltestelle beträgt über 700 Meter.
Am Ende gab es zumindest einen Kompromiss, den Linke, Grüne und SPD unterstützten, nämlich, den Wagenleuten nach Jahren der Unklarheit endlich einen ordentlichen Nutzungsvertrag zu geben – wenn auch mit einer Ausstiegsklausel, falls die Stadt hier wirklich einmal dringenden Bedarf am
Bau einer sozialen Infrastruktur haben sollte.
Aber auch diese Schizophrenie kritisieren die Wagenleute: „Der Stadtratsbeschluss sieht also vor,dass Gelände nicht zu verkaufen, vorerst keine Abrissmaßnahmen durchzuführen und einen Vertrag mit den Bewohner_innen zu schließen, letztlich soll das Grundstück der Fockestraße 80 für soziale Infrastruktur vorgehalten werden. Wunderbar, denn: Wir sind soziale Infrastruktur! UND WIR BLEIBEN!“
Das klingt zwar in Versalien recht forsch, zeigt aber, wie sehr die Leipziger Wagenleute mittlerweile unter Druck sind, weil ihr Wunsch, eine andere Wohnform als das eigene Haus oder die Mietwohnung zu wählen, einfach nicht akzeptiert wird. Übrigens nicht nur ein Problem, das die Menschen haben, die in Leipzig gern in einem Wohnwagen leben möchten. Dasselbe Problem haben auch andere alternative Wohnformen, die spätestens dann ins Hintertreffen geraten, wenn
private Investoren die von ihnen bewohnten Häuser oder Fabrikgebäude sanieren wollen. Die Stadt hat zwar in der Vergangenheit immer wieder auch kooperative Wohnprojekte unterstützt – wenn die Betroffenen aber nicht über das nötige Geld verfügen, um solche Projekte zu finanzieren, haben sie
ganz schlechte Karten und sitzen selbst dann am Katzentisch, wenn es mal Runde Tische zur Wohnungspolitik gibt.
Wenn aber nur die verfügbaren Geldmittel darüber entscheiden, ob Wohnprojekte von der Stadt akzeptiert werden oder nicht, ist eigentlich schon ziemlich klar, dass Leipzig sich zunehmend gentrifizieren wird und die Freiräume für alternative Projekte dahinschmelzen werden wie Eis an der Sonne. Um ein paar wenige Zeugen des wilden Beginns wird da und dort mit einem temporären Erfolg gekämpft – wie zuletzt beim Projekt AnnaLinde in Plagwitz.
Aber es gibt keine Strategie, mit der Leipzigs Verwaltung alternative Wohnformen zumindest in einigen Stadtquartieren zu bewahren versucht. Oder überhaupt Quartiere zu finden, in denen auch experimentelles Wohnen möglich wäre. Auch so findet Verdrängung statt, während die wirklich belastbaren Spielräume für die Stadtentwicklung – etwa beim Kauf ehemaliger Grundstücke der Deutschen Bahn – nicht genutzt werden. Und gerade die sind für eine städtische Entwicklung zentral gelegen, egal ob am Bayerischen Bahnhof, auf der Westseite des Hauptbahnhofs oder auf dem ehemaligen Freiladebahnhof.